Hochsensitivität in Liebe und Beziehung

Hochsensitivität in Liebe und BeziehungHoch­sen­si­tive neh­men über ihre fünf Sinne mehr, inten­si­ver und detail­lier­ter wahr als der Groß­teil der Men­schen. Sie sind beson­ders intui­tiv, ein­fühl­sam, manch­mal sogar medial. Ihre Reizof­fen­heit und Sen­si­bi­li­tät macht sie aller­dings auch ver­letz­li­cher und schnel­ler reiz­über­flu­tet, was in Bezie­hun­gen ein Thema sein kann.

Die ame­ri­ka­ni­sche Psy­cho­lo­gin und Psy­cho­the­ra­peu­tin Elaine N. Aron prägte in ihrem Buch »The Highly Sen­si­tive Per­son – How To Thrive When the World Over­whelms You« (deut­scher Titel: »Sind Sie hoch­sen­si­bel? Wie Sie Ihre Emp­find­sam­keit erken­nen, ver­ste­hen und nut­zen«) 1996 den Begriff HSP, der sowohl als »Hoch­sen­si­tive Per­son« als auch »Hoch­sen­si­ble Per­son« über­setzt wird. Elaine N. Aron, selbst hoch­sen­si­tiv und als Uni­ver­si­täts­pro­fes­so­rin bei der Erfor­schung die­ser Ver­an­la­gung seit Jahr­zehn­ten aktiv, stellte fest, dass 15 bis 20 Pro­zent der Men­schen (und Tiere) hoch­sen­si­tiv gebo­ren sind, unab­hän­gig von der Kul­tur, aus der sie stammen.

Hoch­sen­si­tive neh­men Ener­gien (z. B. von und zwi­schen Men­schen) deut­li­cher wahr, rea­gie­ren stär­ker auf Genuss­mit­tel (z. B. Kaf­fee, Alko­hol) und andere Nah­rungs­in­halts­stoffe, kön­nen von Musik und Kunst tief bewegt sein und inten­siv genie­ßen. Sie haben einen wei­te­ren und tie­fe­ren Blick auf die Welt, ein gro­ßes Gerech­tig­keits­emp­fin­den und Har­mo­nie­be­dürf­nis, sind sehr reflek­tiert und ernst­haft, häu­fig spi­ri­tu­ell, kön­nen von der Viel­falt an exter­nen sowie inter­nen Ein­drü­cken und Gefüh­len aber auch über­flu­tet wer­den und dar­un­ter lei­den. Wenn sie nicht auf ihre Gren­zen ach­ten, sind sie noch mehr als Nicht-HSP gefähr­det, in einem Burn-out zu landen.

Rund 70 Pro­zent der HSP sind intro­ver­tiert, die rest­li­chen 30 Pro­zent sind sozial extra­ver­tierte HSP mit gro­ßem Freun­des­kreis und Gefal­len an Grup­pen sowie frem­den Men­schen. Der Unter­schied zu ande­ren Extra­ver­tier­ten: Nach über­er­re­gen­den Rei­zen wie etwa einem lan­gen Arbeits­tag oder viel Zeit in der Innen­stadt mei­den HSP gerne den Kon­takt und brau­chen Raum für sich zum Ver­ar­bei­ten der Reize und Auf­tan­ken. Extra­ver­tierte Nicht-HSP ent­span­nen hin­ge­gen bes­ser in Gesell­schaft von ande­ren. Das kann in Bezie­hun­gen zwi­schen HSP und Nicht-HSP zu Miss­ver­ständ­nis­sen füh­ren, wenn der/die nicht hoch­sen­si­tive Partner/in das zum Bei­spiel als Lie­bes­ent­zug wertet.

Sowohl die Bezie­hung zwi­schen Hoch­sen­si­ti­ven und Nicht-Hochsensitiven als auch zwi­schen zwei Hoch­sen­si­ti­ven bie­tet Chan­cen und Ris­ken glei­chen­ma­ßen. Ähn­lich ver­an­lagte Partner/innen freuen sich über das Ver­ständ­nis, die Gemein­sam­kei­ten und das Ver­bin­dende, unter­schied­lich Ver­an­lagte genie­ßen oft den ein­an­der ergän­zen­den Cha­rak­ter der Bezie­hung, lei­den aber auch unter der Tat­sa­che, nicht ver­stan­den zu werden.

Mög­li­che Vor­teile einer Ver­bin­dung von zwei Hoch­sen­si­ti­ven sind:

  • Gleich­klang und Gemein­sam­kei­ten, Gefühl der Seelenverwandtschaft
  • ver­wandte Art des Den­kens und der Welt­sicht (ethi­sches Empfinden)
  • gegen­sei­ti­ges Ver­ständ­nis, Rück­sicht­nahme, behut­sa­mer Umgang
  • tief­grün­dige Gesprä­che und wort­lo­ses Ver­ste­hen (tele­pa­thi­sche Verbundenheit)
  • Wahr­neh­mung fei­ner Zwi­schen­töne, gro­ßes Einfühlungsvermögen
  • Ange­nom­men– und Geliebt­sein in sei­nem Sosein
  • Auf­lö­sung von klas­si­schen Rollenklischees
  • ähn­li­che Bedürf­nisse nach Nähe und Dis­tanz (Zeit für sich)
  • Bezie­hung mit beid­sei­ti­gem Tief­gang, große Gefühlstiefe
  • Sanft­heit und Zärt­lich­keit im kör­per­li­chen Umgang miteinander
  • Ein­heits­er­leb­nisse in der Sexua­li­tät (mys­ti­sches Emp­fin­den – Sexua­li­tät u. Spirit)
  • Kon­sens über Frei­zeit­ge­stal­tung (ähn­li­che Emp­fin­dung von Überstimulierendem)
  • Unkon­ven­tio­na­li­tät und Krea­ti­vi­tät in der Lebensgestaltung

Mög­li­che Her­aus­for­de­run­gen für Hoch­sen­si­tive Paare sind:

  • Schwie­rig­keit, bei sich zu blei­ben und sich abzu­gren­zen (Symbiose)
  • Gefahr, sich mit­ein­an­der von der Welt abzu­schot­ten und zurückzuziehen
  • Ein­schrän­kun­gen im All­tag durch Über­emp­find­lich­keit in ver­schie­de­nen Bereichen
  • bei Über­las­tung und Über­sti­mu­la­tion bei­der dop­pel­tes Konfliktpotential
  • beid­sei­tige Genervt­heit durch Anfor­de­run­gen des Alltagslebens
  • frü­her erreichte Belast­bar­keits­grenze bei bei­den im Fami­li­en­le­ben (z. B. Kinder)
  • weni­ger Mög­lich­kei­ten, ein­an­der zu ergän­zen und Arbeit abzunehmen
  • teil­weise Unter­re­prä­sen­tiert­heit des Yang (der akti­ven, männ­li­chen Energie)
  • Kon­flikt­scheu, Flucht und Rück­zug statt Klä­rung von Problemen

Mög­li­che Vor­teile einer Ver­bin­dung von HSP mit Nicht-HSP sind:

  • Anzie­hungs­kraft durch Verschiedenartigkeit
  • gegen­sei­tige Ergänzung
  • Chance auf Arbeits­tei­lung im Alltag
  • unter­schied­li­che Blick­win­kel kön­nen berei­chernd sein
  • Chance, von­ein­an­der zu lernen
  • Hori­zont­er­wei­te­rung
  • Viel­falt durch ver­schie­dene Vor­lie­ben bei Tole­ranz für Andersartigkeit
  • Gefühl, sich als HSP geschützt u. in der mate­ri­el­len Welt gut auf­ge­ho­ben zu fühlen

Mög­li­che Her­aus­for­de­run­gen für Ver­bin­dun­gen von HSP und Nicht-HSP sind:

  • Unver­ständ­nis für emo­tio­nale Andersartigkeit
  • man­gelnde Tole­ranz im Umgang mit Verschiedenheit
  • das Gefühl, anein­an­der vor­bei­zu­re­den, ein­an­der nicht wirk­lich zu verstehen
  • Schwie­rig­kei­ten beim Fin­den gemeins. Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten (Über-/Unterstimulation)
  • Pro­bleme durch unter­schied­li­che Grade der Empathie
  • große Ver­schie­den­heit in den sexu­el­len Bedürfnissen
  • Kon­flikt­po­ten­tial durch unter­schied­li­che (auch emo­tio­nale) Stressresistenz
  • Belas­tun­gen durch ver­schie­den­ar­ti­ges Konfliktverhalten

HSP haben meist eine tiefe Sehn­sucht nach See­len­part­ner­schaf­ten und Ver­schmel­zung. Dazu kommt die Sehn­sucht nach Nähe und die Angst vor Ver­let­zung, Selbst­auf­gabe und sich zu ver­lie­ren, die häu­fig bei HSP Hand in Hand gehen. Gut bei sich zu blei­ben und für seine Bedürf­nisse ein­zu­tre­ten, kann diese Ängste lin­dern. HSP sind mit ihrer Ener­gie und Auf­merk­sam­keit häu­fig mehr bei ande­ren als bei sich selbst. Je bes­ser Hoch­sen­si­tive in ihrer Mitte und in ihrem Kör­per zu Hause sind, desto bes­ser spü­ren sie ihre Gren­zen und wann es genug ist. Die­sen Moment nicht zu über­ge­hen und sich nicht von ande­ren über­re­den zu las­sen, zum Bei­spiel noch län­ger auf einer reiz­über­flu­ten­den Party zu blei­ben, ist für HSP und ihr Wohl­er­ge­hen ent­schei­dend und dient letzt­lich auch der Bezie­hung. Denn reiz­über­flu­tete HSP kön­nen, wenn nichts mehr geht, die Mau­ern ziem­lich vehe­ment hoch­fah­ren. Auch getrennte Schlaf­zim­mer, z. B. bei schnar­chen­den Partner/innen, kön­nen die Har­mo­nie und Wah­rung der Anzie­hungs­kraft unterstützen.

Als Aus­gleich nach über­flu­ten­den Erleb­nis­sen oder anspruchs­vol­len Tagen kann hilf­reich sein: in die Natur gehen (Wald­spa­zier­gänge, Sonne tan­ken, am Was­ser sit­zen etc.), Wal­ken, Lau­fen, Tan­zen etc. (Bewe­gung hilft Stress­hor­mone abbauen), genü­gend schla­fen (ohne Wecker auf­wa­chen, Mit­tags­schlaf etc.), näh­ren­des Essen (bio­lo­gi­sche Lebens­mit­tel, gutes Was­ser, wenig Genuss­mit­tel), Medi­ta­tion (in die Stille gehen, Zen­trie­ren im Her­zen, Trance-Reisen etc.), Ent­span­nungs­tech­ni­ken (Auto­ge­nes Trai­ning, Atem­übun­gen, Yoga, Qi Gong etc.), Inte­gra­ti­ons­me­tho­den und ganz­heit­li­che The­ra­pie­an­sätze (Ener­gie­ar­beit etc.), Nachrichten-Fasten (Ver­zicht auf Gewalt­nach­rich­ten in den Medien etc.), seelenvolle/r Lese­stoff, Musik, Kunst, Videos etc. (alles, was das Herz erfreut), warme Bäder / Duschen (z. B. mit Meer­salz für die ener­ge­ti­sche Rei­ni­gung) etc.

Ob Hoch­sen­si­ti­vi­tät als Geschenk und Gabe erkannt oder als Bürde betrach­tet wird, ist indi­vi­du­ell ver­schie­den. Viele HSP rea­gie­ren bereits mit gro­ßer Erleich­te­rung, wenn sie zum ers­ten Mal ihre Ver­an­la­gung rea­li­sie­ren. Etli­che von ihnen hat­ten sich jah­re­lang als ver­rückt, als Außenseiter/innen, „Außer­ir­di­sche“ oder in unse­rer Gesell­schaft nicht über­le­bens­fä­hig emp­fun­den. Im Aus­tausch mit ande­ren HSP kann eine neue Gelas­sen­heit und Stärke ent­ste­hen und das Ken­nen­ler­nen von Mög­lich­kei­ten des Umgangs mit der eige­nen Hoch­sen­si­ti­vi­tät been­det das Gefühl des Aus­ge­lie­fert­seins. Dann wird die hoch­sen­si­tive Ver­an­la­gung immer mehr zur Berei­che­rung in allen Lebens­la­gen und ganz beson­ders in Beziehungen.

Nähere Infos: www.hochsensitiv.net

Buch­tipps zum Thema HSP und Bezie­hun­gen:
Aron, Elaine N.: Hoch­sen­si­bi­li­tät in der Liebe. Wie Ihre Emp­find­sam­keit die Part­ner­schaft berei­chern kann. – Mün­chen: mvg Ver­lag 2006 (2. Auf­lage 2010).

Ska­rics, Dr. Mari­anne: Sen­si­bi­li­tät und Part­ner­schaft. Hoch­sen­si­ble Men­schen erzäh­len. – Wien: Fest­land Ver­lag 2010.

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Sabine Knoll

Gast­au­to­rin: Sabine Knoll

Sabine Knoll, Jahr­gang 1966, ist Magis­tra der Publi­zis­tik– und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaf­ten, sie arbei­tet seit 1985 als freie Jour­na­lis­tin, Buch­au­to­rin und Semi­nar­lei­te­rin (»Schrei­ben aus dem Her­zen« etc.). Ihre Spe­zi­al­ge­biete sind z.B. ganz­heit­li­che Gesund­heit und die Arbeit mit Hoch­sen­si­ti­ven Per­so­nen (HSP). Sabine Knoll lebt in der Wachau in Nie­der­ös­ter­reich.
www.hochsensitiv.net

Kommentare (8) Schreibe einen Kommentar

  1. Super liebe Sabine, danke für die­sen aus­führ­li­chen und auf­schluß­rei­chen Arti­kel. Er wird vie­len Men­schen mehr Ver­stän­dis und Klar­heit über sich selbst oder Mit­men­schen geben.

    Lie­ben Gruß
    Mar­got Hölzl

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    • Liebe Mar­got,
      danke für Dein schö­nes Feed­back — das Thema ist mir ein per­sön­li­ches Anlie­gen und ich spüre selbst als HSP, wie freud­voll und beglü­ckend eine HSP-HSP-Beziehung sein kann.
      Herz­licht, Sabine

      Antworten

  2. Liebe Frau Knoll,

    herz­li­chen Dank für den infor­ma­ti­ven Arti­kel zum Thema HSP.
    Sich in einer Bezie­hung ver­stan­den zu füh­len und so sein zu dür­fen wie man ist, das ist der Schlüs­sel zum Glück. Die­ser Arti­kel trägt sicher dazu bei, daß Men­schen sich wie­der mehr ach­ten und respektieren.

    Liebe Grüße

    K. Bur­ger

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  3. Vie­len Dank für die­sen Arti­kel! Bei mir ver­hält sich die Sache mit der schnel­len Ermued­bar­keit aller­dings ein biss­chen anders: Ich ermüde nur dann schnell,wenn ich viel nega­tive Ener­gie (Bos­heit mei­ner Mit­men­schen) mei­ner Per­son gegen­über schlu­cken muss oder abkriege. Arbeite ich in einem Beruf,in dem ich aufgehe,z.B. mit Kin­dern oder Tieren,stört mich der Lärm,den sie verursachen,überhaupt nicht,im Gegenteil,er kann mich sogar glück­lich machen! Genauso ver­hält sich das mit einem Baby. Rei­zu­e­ber­flu­tung kann zumin­dest bei mir eine Ein­stel­lungs­sa­che sein. Streß in einer Beziehung,negative Gedan­ken mir gegen­über, egal ob im privaten,öffentlichen oder Arbeits­le­ben führt bei mir tat­säch­lich zu den oben beschrie­be­nen Zustän­den. Und eine Bezie­hung zwi­schen Hochsensiblen/Hochsensitiven/Hochempathischen kann natür­lich wun­der­schön sein und zu durch nichts wie­der auf­zu­lö­sen­den Bin­dun­gen auf Lebens­zeit führen,die auch stän­dig wie­der auf­ge­wärmt wer­den können,wenn man sich aus den Augen ver­liert. Auch für Kin­der ist eine Bin­dung zu sol­chen Eltern beson­ders schön und auch wertvoll,allerdins müs­sen Kin­der lernen,das dies nicht die Regel ist,damit sie sol­che Ver­bin­dun­gen nicht für nor­mal hal­ten und von ihrer Umwelt einfordern.

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  4. Vie­len herz­li­chen Dank für den wun­der­vol­len und auf­schluss­rei­chen Bericht, liebe Sabine. ♡

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  5. Liebe Sabine Knoll,
    vie­len Dank für die­sen klasse Arti­kel. Die Welt kann nur mehr davon gebrau­chen.
    Herz­li­che Grüße
    Filip

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  6. Pingback: Chi259 | Pearltrees

  7. Auch von mei­ner Seite ein herz­li­ches Danke für die­sen wun­der­voll ver­fass­ten Arti­kel! Er spricht mir wahr­lich aus der Seele! Mein Mann muss sich gerade beruf­lich ent­schei­den ob er eine Ver­set­zung ins Aus­land über­nimmt oder ablehnt. Das ist natür­lich keine leichte Ent­schei­dung aber sol­che Worte hel­fen natür­lich ein wenig. Man sucht nach einem Stroh­halm weil man natür­lich sein gewohn­tes Umfeld, seine Freunde und sein Heim nicht ver­las­sen möchte. Danke! Paula

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