Liebe im neuen Jahrtausend

Die alten Beziehungsvorbilder haben sich überlebt, neue müssen gemeinsam kreiert werden. Die zunehmende – auch finanzielle – Unabhängigkeit der Frauen stellt die klassische Rollenaufteilung auf den Kopf. Dadurch wächst aber auch die Chance auf neue Formen der Zweisamkeit.

Anna und Robert leben eine partnerschaftliche kinderlose Beziehung, und das bereits seit über 20 Jahren. Sie haben sich für eine gemeinsame Wohnung entschieden, davor lebten sie im selben Stockwerk eines Hauses in getrennten Wohnungen. Robert hat in seiner Studentenzeit in einer Wohngemeinschaft gelernt, im Haushalt anzupacken. Das erleichtert das gemeinsame Alltagsleben, das ohne große Absprachen auskommt: „Wer Zeit hat, tut etwas, und der/die andere lässt einfach alles liegen und stehen, wenn es gerade nicht geht. Waschen passiert zwischendurch, wer da ist und sieht, dass es Wäsche zu waschen gibt, tut es. Beim Putzen ist es so, wenn ich anfange und er es sieht, macht er auch mit, und umgekehrt steige ich ein, wenn es mich freut – oder auch nicht.“

Nähe ist wichtig in dieser Beziehung, man teilt auch ein gemeinsames Büro. Trotzdem gibt es genug Freiraum für die unterschiedlichen Bedürfnisse und Lebensweisen. Die extrovertierte Anna pflegt die Kontakte zum Freundeskreis und ist auch beruflich viel unterwegs. Der introvertierte Roland liebt den Rückzug. Sie lebt spontan, er bedächtiger. Sie ist gesprächig, er ruhiger: „Das hat mit Toleranz zu tun, den anderen so zu lassen wie er ist. Ich empfinde das als sehr positiv und als einen angenehmen Zug an Roland. Und ich liebe ihn auch, weil er einfach der Gegenpol und Ausgleich zu mir ist.“

Die Gegensätzlichkeiten überwiegen in dieser Beziehung, trotzdem werden sie nicht als trennend erlebt. Voneinander lernen, lautet die Devise. Und Interesse an der Welt des oder der anderen. Etwa an seiner Vorliebe für die Berge oder an ihrer für die Kultur: „Ich bin keine exzessive Wanderin, nur von Fall zu Fall gehe ich auch mit und macht es mir Spaß. Aber ich werde deswegen keine Bergsteigerin. Wenn ich meinen Bewegungsdrang habe, verbringen wir auch mal einen Urlaub in den Bergen. Und umgekehrt ist es so, wenn ich eine Galerientour machen will, begleitet er mich und hat seine Freude daran.“

Die Psychologin und Mediatorin Heidegund Kubinger meint dazu: „Bei Beziehungen, die gut funktionieren, besteht einfach eine gute Gesprächsbasis, eine klare direkte Sprache und jeder kann seinen Rhythmus leben.“ Nach ihrer Ansicht wird es heute immer wichtiger, die Balance zwischen Eigenständigkeit und Gemeinsamkeit zu finden, ein gesundes und individuell passendes Maß an Nähe und Distanz. Was Beziehungen früher aneinander schmiedete, unterscheidet sich grundsätzlich von Beziehungen heute: „Früher waren einfach viele Gemeinsamkeiten vorgegeben. Nach dem Krieg war es das gemeinsame Aufbauen einer Existenz, das Zusammenhalten in einer schwierigen Zeit. Früher war es auch so, dass die Zahl der Kinder es gar nicht anders möglich gemacht hat, als zusammenzubleiben, und dass Kinder zu haben nicht so leicht zu planen war wie heute. Im Unterschied zur Generation damals wird es für Paare jetzt eine Aufgabe sein, sich Gemeinsamkeiten zu erarbeiten. Sich zum Beispiel ein Hobby aufzubauen, das in der Freizeit verbindet.“

Bettina lebt seit drei Jahren mit ihrem Lebensgefährten in zwei Wohnungen, die nur zwei Häuserblocks entfernt liegen. Beide waren verheiratet, die Kinder sind bereits flügge. Man sieht einander nur, wenn beide Lust haben, und verzichtet auf den Trauschein ebenso wie auf die klassische Rollenverteilung: „Ich rufe an, wenn ich aus dem Geschäft komme, und sage, ich bin gleich da. Dann steht das Essen fertig auf dem Tisch. Ich brauche mich um nichts zu kümmern, denn er ist der Meinung, dass er nicht nur gern kochen mag, sondern Frauen auch abwaschmäßig nichts in der Küche verloren haben. Insofern bin ich der klassische Mann in der Beziehung. Er mag das und ich mag das auch so.“ – „Ich finde es perfekt“, meint Frank dazu. „Ich glaube, auf diese Art besteht eine größere Achtung vor einander. Wenn Bettina bei mir ist, empfinde ich sie mit Freude hier und schaue, dass es ihr gut geht. Und wenn ich bei ihr bin, ist es umgekehrt genauso. Mir würde nie in den Sinn kommen, wenn wir bei Bettina schlafen, dort das Frühstück zu machen. Das ist ihre Wohnung – dort habe ich in der Küche nichts verloren. Ich finde, das ist ein sehr schönes Gefühl und auch eine Frage des Respekts.“

Für Bettina ist klar: Beziehungen scheitern nicht an politischen oder theoretischen Auseinandersetzungen, sondern am Alltag. „Was einen wahnsinnig macht, ist, wenn die Unterhose immer am falschen Ort liegt und das Glas einen Lippenstiftrand hat. Das sind die Sachen, die Beziehungen zerstören. Das ist wie eine Lawine. Den Luxus zu haben, Platz für sich und die eigene Welt zu haben, ist sicher noch nicht gleichbedeutend damit, eine gute Beziehung führen zu können. Aber umgekehrt ist es – glaube ich – sehr, sehr schwierig.“

Eine Form der Partnerschaft, die nach Ansicht der Psychologin und Mediatorin Heidegund Kubinger nur eine von zahlreichen möglichen Formen des Zusammenlebens ist: „Ich glaube nicht, dass das die Lösung schlechthin sein wird. Es ist sicher für diejenigen, die es sich zeitlich und finanziell so einteilen können, eine Möglichkeit. Für die anderen, glaube ich, ist es eine Herausforderung, auf kleinerem Raum und in einer gemeinsamen Wohnsituation den nötigen Abstand zu schaffen. Durch eine Nachdenkpause zum Beispiel. Indem man über Unverträglichkeiten von Kleinigkeiten nicht spricht, wenn das Thema gerade akut ist, sondern erst nach einer Pause. Ich denke, dass Toleranz gelernt werden kann und auch immer wieder ausgebaut werden sollte.“

„Wir hatten uns beide schon vor Jahren für das Pensionistenheim angemeldet. Dann kam die Nachricht, dass wir einziehen können. Da haben wir überlegt und festgestellt, dass ich gerne einziehen, meine Frau aber lieber in unserer Wohnung bleiben würde.“ – Ralf und Maria – er 81, sie 79 – haben nach 55 Jahren Ehe beschlossen, getrennt zu wohnen. Sehr zur Verwunderung der Familie und Freunde, aber mit zunehmender Befriedigung. „Es ändert sich alles, aber das sind eben andere Aggregatszustände der Liebe. Wir genießen es beide. Ich habe ein wunderschönes Zimmer im Pensionistenheim und dort die Muße, Musik zu hören und Fernsehsendungen anzuschauen, die ich mir aufgezeichnet habe“, erzählt Ralf. – „Ich liebe die Ruhe und brauche sie auch. Ich drehe bestenfalls am Abend etwas auf kleiner Lautstärke auf; er braucht immer die Schallplatten in voller Konzert-Lautstärke. Und das Glückliche ist, dass wir nur zwei Straßenbahnstationen voneinander entfernt wohnen. Wir sehen einander jeden Tag. Und die Alltagssorgen fallen ab, sodass man sich meistens, wenn man sich trifft, nur mit angenehmen Dingen befassen kann“, ist auch Maria begeistert von der neuen Wohnlösung.

Klassische Beziehungen mit Trauschein sind für die Psychologin Heidegund Kubinger nicht unbedingt ein Auslaufmodell. Doch damit sie Bestand haben, wird auch hier ein Umdenken notwendig sein. Vor allem für die Männer. Denn Frauen sind zunehmend berufstätig, finanziell unabhängig und immer weniger bereit, ihre Mehrfachbelastung durch die klassische Rollenaufteilung zu akzeptieren. Egal, ob sie Kinder haben oder nicht: „Es sind zunehmend die Frauen, die gehen, und es ist zunehmend für die Männer deswegen beängstigender. Aber vielleicht bemühen sich deswegen die Männer auch, in schwierigen Situationen ihre Einstellung zu dem alten, traditionellen übernommenen Mann-Frau-Bild zu verändern.“

In unserem Jahrtausend werden viele unterschiedliche Beziehungsformen immer gleichberechtigter nebeneinander stehen, ist die Psychologin überzeugt. Die Beziehung mit oder ohne Trauschein, mit oder ohne Kindern, lebenslange Beziehungen und Lebensabschnitts-Partnerschaften, Patchwork-Familien mit Kindern aus unterschiedlichen Ehen, Beziehungen in gemeinsamen oder in getrennten Wohnungen, ungeachtet des Altersunterschiedes, des Geschlechts und je nach individuellem Bedürfnis. Die Gleichwertigkeit aller Formen des Zusammenlebens wird im besten Fall die Gemeinsamkeit der Beziehungen im 3. Jahrtausend sein.

Sabine Knoll

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